Dämonische Verführung

Blut und Magie, #1

Kapitel 1

Mit einem dumpfen Scheppern fiel die Tür zu Merles Familienmausoleum hinter ihr ins Schloss. Die plötzliche Ruhe hüllte sie ein, und es schien, als wäre die Geräuschkulisse des nächtlichen Portland wie abgeschaltet. Es gab nur noch Merle, umgeben von der noch immer hier gegenwärtigen Energie ihrer Ahnen, in der Geisterstunde der Nacht, bewaffnet mit nichts als ihrer Zauberkunst und einer gesunden Dosis Verzweiflung. Genug, um einen Bluotezzer-Dämon aus den Schatten loszubinden.

Der Strahl ihrer Taschenlampe geisterte über die Wände und stoppte unwillkürlich auf einem der in die Mauer eingelassenen Steinsärge. Rowan Mary MacKenna, 1935-2007. Die Buchstaben schienen finster auf Merle herabzuschauen — voller Missbilligung für das Verbrechen, das sie gleich begehen würde. Ihre Zauberkräfte surrten als Reaktion auf die Restmagie, welche die Luft durchtränkte, noch immer so stark, selbst Jahre nach dem Tod der Hexe. Sie biss die Zähne zusammen und wandte ihre Augen vom Namen ihrer Großmutter auf der Marmorplakette ab.

„Ich habe keine andere Wahl.“ Ihr Flüstern hallte in der Dunkelheit des Grabes wider, zurückgeworfen mit stillem Vorwurf. „Soll ich sie denn einfach sterben lassen?“

Selbstverständlich kam keine Antwort. Die Überreste der Energie ihrer Großmutter waren stark genug, sie düster nieder zu starren, aber sie boten natürlich keine Hilfe an.

Der Gedanke daran, einen Blutesser-Dämonen loszubinden, zog ihr den Brustkorb zusammen, saugte alle Wärme aus ihr heraus. Sie hielt inne, und Zweifel wog schwer auf ihren Schultern. Die Energie ihrer Vorfahren knisterte über ihre Haut, drückte auf sie herunter. Was, wenn sie recht hatten, was, wenn es zu gefährlich war? Vielleicht sollte sie einfach—

Ungebeten blitzte eine Erinnerung durch sie hindurch. Mit einem Lächeln über den dreckigen Witz, den Merle soeben erzählt hatte, stahl Maeve einen Bonbon aus der Packung, die zwischen ihnen lag, und warf ihn auf Merle. „Du bist so schlimm“, unterbrach sie das Gekicher, ihre Augen, die die Farbe von Feuer und Rauch hatten, strahlend hell in einem mit Sommersprossen übersäten Gesicht, umrahmt von feuerrotem Haar, das dem Merles so sehr ähnelte.

Ihr Herz voller Lachen beim Anblick solch ungewohnter Verwegenheit von ihrem kleinen Schwesterchen, umarmte Merle sie fest. „Hat dich aber zum Lächeln gebracht, oder nicht?“

Ein Lächeln, welches sie nie wiedersehen würde, wenn sie jetzt aufgab. Entweder sie ging das Risiko ein, diesen Dämon zu befreien — oder sie würde bald zusehen müssen, wie ein weiterer Steinsarg diesem Grab hinzugefügt wurde. Die Erinnerung daran, wie sie die sterblichen Überreste ihrer Mutter, ihrer ältesten Schwester und, später, ihrer Großmutter hier zur ewigen Ruhe gelegt hatte, war noch immer frisch, der Verlust eine schmerzende Wunde in ihrem Herzen. Maeve auch noch zu verlieren würde mehr tun als diese Wunde vergrößern — es würde eine Schlucht durch ihre Seele reißen, von unermesslicher Größe.

Ihre Kehle schnürte sich zu bei dem Gedanken, und sie zerschmetterte allen Zweifel und machte sich an die Arbeit. Sie stellte die Taschenlampe senkrecht in eine Ecke, sodass der Lichtkegel die gewölbte Decke berührte. Als Nächstes öffnete sie die Tasche, die sie mitgebracht hatte, und nahm den Salbei heraus. Sie zündete ihn an und reinigte damit den Raum, um sicherzustellen, dass keinerlei Spuren von Negativität den Zauberspruch beeinträchtigen würden, obwohl das Echo der Energie in der Luft die meisten bösen Geister bereits vertrieben haben sollte. Manche Räume erforderten nicht so viel Reinigung wie andere; der Beerdigungsort einer Linie starker Hexen war einer von ihnen.

Inmitten des schweren, rauchigen Geruchs des Salbei, der noch immer die Luft durchtränkte, warf sie das Salz in einem Kreis um sich herum. Nur eine Vorkehrung, ein Schutz gegen aufdringliche Geister, die sie angreifen könnten, während sie den Zauber sprach. Nachdem sie fünf Kerzen herausgenommen, sie auf die Schutzpunkte des Kreises platziert und angezündet hatte, setzte sie sich im Schneidersitz auf den Steinboden, und legte das Buch der Schatten ihrer Familie in ihren Schoss. Der Ledereinband des schweren Wälzers war weich unter ihren Fingern, als sie ihn auf dem Abschnitt öffnete, der sie durch den Prozess des Losbindens führen würde. Es war nicht viel, nur eine Seite mit Informationen, um einen Dämonen in die Schatten zu bannen oder daraus zu befreien, aber es musste genügen.

Sie schloss ihre Augen und wandte sich der Quelle von allem zu, was Magie und Leben war. „Mit Demut bitte ich die Höchsten Mächte, mir Schutz zu gewähren“, flüsterte sie in die Stille. Es gab keine Garantie, dass sie einwilligen würden, unbeständig, wie sie waren, ungezähmt wie die Magie, die in die Welt gewirkt war. Es war die größte Überheblichkeit und der tödlichste Fehler einer Hexe zu denken, sie könne sie völlig beherrschen.

Ein Fehler, den Merle nicht geneigt war, zu begehen. Sie war stets vorsichtig gewesen mit den Energien, die sie anzapfte, die Mahnworte ihrer Großmutter auf ewig eingekerbt in ihre Erinnerung. Für jeden Zauber, den du sprichst, gibt es ein Schlupfloch, um ihn zu lösen, welches sich deinem Wissen entzieht.

Sie ließ ihren angehaltenen Atem los, öffnete ihre Augen und begann mit dem Ritual. Ihre Worte würden den Bluotezzer-Dämon in den Vordergrund der Schatten rufen, nah genug, um zu hören, zu lauschen und zu sprechen, aber noch gefesselt und machtlos. Sie würde zuerst mit dem Geist sprechen, würde abwägen, ob er mit sich reden ließe. Würde das Geschöpf bereit sein mit ihr zusammenzuarbeiten?

Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, weshalb ihre Großmutter den Dämon ins magische Äquivalent der Hölle gebannt hatte, mit einem solch mächtigen Zauberspruch, dass nur eine ihrer direkten Nachfahrinnen ihn rückgängig machen konnte. Zweifellos war es nicht wegen eines Strafzettels gewesen. Nein, sie wollte den Dämon vermutlich dafür büßen lassen, dass er einem Unschuldigen das Leben genommen hatte — wahrscheinlich sogar mehr als einem.

Sie ignorierte das flaue Gefühl in ihrem Magen und konzentrierte sich erneut. Was auch immer das Geschöpf getan hatte, es war in diesem Augenblick nicht von Belang, noch würde es in der Zukunft wichtig sein, solange sie den Dämon unter Kontrolle hielt und darauf achtete, ihn wieder zu bannen, wenn Maeve befreit war.

„Durch die Magie meiner Familie“, intonierte sie, „mit der Macht, die an mich übergeben wurde, fordere ich die Schatten auf, sich meinem Befehl zu fügen.“

Die Luft wurde dichter, schwül und drückend, als ob sie einen Sturm ankündigte. Die Schatten wanden sich, flüsterten dunkel, schlängelten sich in Ranken aus Schwarz und Grau, wie der Salbeirauch es kurz zuvor getan hatte. Nur dieser Rauch, er lebte. Die aktive Macht in der Luft fachte die Restmagie ihrer Ahnen an, brachte sie zum Surren.

„Holt hervor den Bluotezzer-Dämon, gebannt von Rowan, Tochter von Ethel, aus der MacKenna-Familie.“

Die Energie ihrer Vorfahren floss zusammen und füllte ihren Kopf mit ihrem Dröhnen, bis ihre Schläfen pulsierten. Die Luft verdichtete sich noch mehr. Das Flüstern der Schatten hallte in den dunklen Ecken des Grabes wider.

Dann herrschte Ruhe.

„Sprich.“

Ihr Atem stockte. Ihr Herz raste. Die Stimme war in ihr Bewusstsein eingedrungen, männlich, tief, und klang in Stellen ihres Körpers nach, in denen sie nichts verloren hatte.

Merle zwang sich langsam zu atmen, während sie ihre mentalen Schutzschilde überprüfte und verstärkte, und konzentrierte sich auf den Kern ihrer Kräfte. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass ein Dämon sie durcheinander brachte, als ob sie eine ungeschulte Anfängerhexe wäre. Mochte ihre Magie auch nicht so stark sein wie die ihrer Großmutter, Merle konnte das hier packen. Auch wenn es das erste Mal war, dass sie auf einen Dämon traf.

„Wer bist du?“ Diese Stimme wieder, tief und resonant, in Samt gewickelte Gefahr. Sie strich über ihre Sinne und prüfte ihre geistige Abwehr. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter, als sie spürte, wie er ihre mentalen Schilde berührte, ein heißer Streif mit Dunkelheit.

Mit einem Machtschub verbarg sie die Angst in ihrer Aura und projizierte nur ruhige Gewissheit, dass sie die Mittel hatte, ihn zu kontrollieren. Sie würde keine Schwäche zeigen. Nicht jetzt, nicht vor ihm. „Ich bin Merle“, sagte sie, ihre Stimme fest. „Tochter von Emily, Oberhaupt der MacKenna-Familie. Es war meine Großmutter Rowan, die dich gebannt hat.“

Ihre Sinne verschärften, konzentrierten sich, als sie spürte, wie sich die Energie hinter der Stimme bewegte. Er drängte sich näher an den Schleier zwischen den Welten und schwebte am Rande der Schatten.

„Merle.

Wie er ihren Namen sprach — ein Schnurren, das sich an ihrem Innersten rieb.

„Ich erinnere mich an dich.“

Ihre Haut kribbelte.

„Dein Haar war geflochten.“ Er hielt inne. Die Luft knisterte. „Blau. Dein Kleid war blau, wie deine Augen.“

Ihr Herz schlug ungestüm gegen ihre Rippen.

„Du warst ein hübsches Mädchen, kleine Hexe.“

Seine Worte schlossen die Tür zu einer alten Erinnerung auf, zu Bildern und Gefühlen, die so lange begraben gelegen waren, sie hatte sie beinahe vergessen. Sie kamen jetzt mit einem Ruck zurück.

Der Rasen außerhalb ihres Hauses. Der alte Kirschbaum stand noch, und seine Äste schwangen in der warmen Abendbrise. Strahlend helle Augen auf sie gerichtet, ging der Dämon vor ihr in die Hocke, brachte sein Gesicht auf gleiche Höhe mit ihrem. Knisternde Energie fuhr über ihre Haut, ließ die Haare auf ihren Armen senkrecht stehen.

„Hallo, kleine Hexe.“ Ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Merle!“ Die Stimme ihrer Großmutter kam von irgendwo hinter ihr.

Ihr Herzschlag trommelte. Diese Augen hielten sie gefangen.

„Merle, geh zurück ins Haus. Jetzt.“ Merle hatte nie solche Schärfe in der Stimme ihrer Großmutter gehört.

„Hör auf deine Oma, kleine Hexe. Du bist zu jung, um draußen nach Einbruch der Dunkelheit zu spielen.“ Der Wind zerzauste sein kastanienfarbenes Haar und raschelte durch die Blätter, als er ihr zuzwinkerte und aufstand.

Ihre Großmutter trat an den Mann heran just in dem Moment, als Merle zurückgezerrt wurde. Ihre Mutter schleifte sie ins Haus, geflüsterte Vorwürfe und mütterlicher Schutzinstinkt im Schlepptau. Aber Merles Blick löste sich nie von seinem Gesicht.

Ein Gesicht von durchdringender Schönheit, versehen mit einer subtilen Andeutung von Gefahr, die sogar eine Fünfjährige verstand.

Die Wucht der Erinnerung ließ sie stoßartig einatmen, rief einen Strudel von Gefühlen hervor. Merle zerrte sich zurück in die Gegenwart und versuchte, ihre Nerven zu beruhigen. Dennoch zitterte das kleine Mädchen in ihr.

„Ich habe dich herbeigerufen, um dir ein Angebot zu machen.“ Sie klang so viel stärker, als sie sich fühlte.

Gespannte Stille folgte.

„Du brauchst meine Hilfe.“ Seine Stimme triefte nur so vor Selbstgefälligkeit.

Sie biss sich auf die Zunge, um ihm keine ätzende Antwort zu geben. Ihn zu diesem Zeitpunkt zu verärgern wäre unklug. „Ja“, sagte sie stattdessen. „Ich benötige deine Fähigkeiten, um meine Schwester Maeve zu finden.“

„Maeve…die kleine Plappernde?“

Sie war im Begriff, ihn zu korrigieren, als es ihr bewusst wurde — er war in die Schatten gebannt worden, als Merle ungefähr sechs Jahre alt war. Er hatte ihre Schwester Maeve nur vor dem Vorfall gekannt, der ein klaffendes Loch in die Familie gerissen und Maeves Geist erstickt hatte. Sie war danach nur noch ein bloßer Schatten des lebhaften Mädchens, das sie zuvor gewesen war.

Merle schluckte, ihr Herz pochte, doch sie unterdrückte die Erinnerung, bevor sie wirklich auftauchen konnte. „Ja. Sie ist durch einen von deiner Art verschleppt worden, und ich benötige deine Hilfe, um ihn ausfindig zu machen.“

Sie hatte versucht, ihn selbst zu lokalisieren, aber seine Spezies war selten und nicht auffindbar mittels Magie. Ihre Zauberkräfte waren noch immer wund von den Ritualen, die sie durchgeführt hatte, ihr Verstand erschöpft von der fieberhaften Suche nach einem Weg, Maeve zu finden. Der Lokalisierungszauber war fehlgeschlagen. Ihr Ältestenrat hatte sie abgewiesen. Dies war ihre letzte Chance. Nur ein anderer Bluotezzer-Dämon war in der Lage, der Energie des Entführers zu folgen, ihn zu finden.

„Wie lange hat er sie schon?“

„Fast zwei Tage.“

„Dann ist sie höchstwahrscheinlich bereits tot. Ruhige Gleichgültigkeit in seiner Stimme.

„Nein. Ich kann sie noch spüren.“ Als ihre Mutter und ihre Schwester Moira, und später auch ihre Großmutter, gestorben waren, riss Merles familiäre Verbindung zu ihnen ab. Die mentale Verknüpfung zu Maeve war aber noch intakt. Sie pulsierte in ihr, eine beständige Erinnerung an das, was sie im Begriff war, zu verlieren.

Wenn doch nur diese Verbindung stark genug wäre, um ihr zu folgen, dann müsste sie nicht zu solchen Mitteln greifen…

„Ich werde dich von den Schatten losbinden, damit du nach demjenigen suchen kannst, der sie gefangen hält“, sagte sie, ihre Stimme stahlhart, „aber du wirst an mich gefesselt sein, und ich kann dich finden, egal wohin du flüchtest. Du wirst mit mir zusammenarbeiten, und du wirst nicht aus der Reihe tanzen. Wenn du unschuldiges Blut vergießt, werde ich dich dafür büßen lassen.“

Seine Energie verdunkelte sich, wurde bedrohlich, und drückte gegen den Schleier, der ihn auf der anderen Seite hielt. Doch dann — mit einem Aufflackern seiner Macht — wurde er sanfter und strich an ihrem Verstand entlang.

„Was bekomme ich als Belohnung, kleine Hexe?“

Sie sträubte sich, schob die sinnliche Liebkosung seiner Worte beiseite und ignorierte die lustvolle Hitze, die zwischen ihren Schenkeln entstand. Verräterischer Körper. Sie würde nicht zurückschnurren. „Du kannst noch einmal das Leben kosten“, sagte sie und bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten. „Du kannst atmen, trinken, dich bewegen, die Welt sehen… Wie lange bist du schon in den Schatten? Zwanzig Jahre? Ich bin sicher, dass du eine Pause von Dunkelheit, Trägheit und Hunger zu schätzen wissen wirst, oder etwa nicht?“

Seine Energie berührte ihren Geist, eine sanfte, neckende Liebkosung. „Ich werde dir helfen, wenn du schwörst, dass du mich danach für immer losbinden wirst.“

„Du weißt, dass ich dir das nicht bewilligen kann ohne die Zustimmung meiner Ältesten“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Sie konnte ihn auf keinen Fall völlig entfesseln. Wenn er dem Blutrausch verfiel und Amok lief, würde sich Merle für jedes unschuldige Leben verantworten müssen, das er raubte. Und die Höchsten Mächte waren gnadenlos in ihrer Abrechnung. „Dies ist deine Chance ein wenig Freiheit zu kosten, und es ist alles, was ich dir geben kann. Nimm es oder lass es bleiben.“

Schwere Stille erfüllte das Grab. Die Pause war lang genug, dass sich ihr der Magen zusammenzog, ihre Atmung abflachte. Was, wenn er ablehnte? Götter — ein Teil von ihr wünschte sich das. Dann könnte sie nach Hause gehen, sicher, ihr Gewissen frei von Schuld.

Und Maeve würde sterben.

Der Gedanke verpasste ihr einen Schlag in die Magengrube, schmerzhaft genug, um jedwede Sorge über das Losbinden eines Dämons von den Schatten in Luft aufzulösen. Ungeachtet der Anspannung in ihren Schultern streckte sie ihren Rücken gerade. Sie konnte dies schaffen.

„Wirst du mich mit Nahrung versorgen?“ Seine Stimme vibrierte mit Sinnlichkeit, und ihr Herzschlag rannte ihr davon.

„Ja“, brachte sie mühsam hervor, während ungebetene und höchst unangebrachte Aufregung über ihre Haut kribbelte.

Sie konnte seine Belustigung in dem kurzen Schweigen, das folgte, förmlich spüren.

„Abgemacht, kleine Hexe mein.“

Seine Koseworte wickelten sich um ihre Seele, streichelnd, verlockend, und schlugen Wurzeln. Sie holte tief Luft und verstärkte ihre mentalen Schutzschilde, um dem Effekt zu widerstehen, den seine Stimme auf sie hatte. Bei den Göttern, es war doch nur eine Stimme.

„In Ordnung“, sagte sie ruhig und stählte sich. „Bereit?“

„Auf dein Wort.“

Zweifel zwickte sie und ließ sie zögern. Die Gefahr, welche sie im Begriff war zu entfesseln… Sie biss die Zähne zusammen und begrub diesen Gedanken. Ihr blieb keine andere Wahl.

Sie atmete ein, zog ihre Energie zusammen und konzentrierte sich darauf, ihre Worte mit der Magie zu erfüllen, die gewöhnliche Sprache in einen Zauber umwandeln würde.

Aus Hunger, Schmerz und Dunkelheit, bringt ans Licht hervor,

den Geist, gebannt von Rowan, durch Schatten Tür und Tor.

Losgebunden durch Magie, gefesselt an mein Wort,

mag seine Form auch frei sein, kann er von hier nicht fort.

Ihre Magie schlug zu, verschmolz mit der Macht, die den Wörtern von Natur aus innewohnte, und prallte auf die empfindungsfähige Kraft der Schatten. Einen Augenblick lang sträubten sie sich, widerspenstig und ewig hungrig wie sie waren, dann aber gaben sie nach. Sie wanden sich, wurden zu einer Masse finsterer, undurchdringlicher Dunkelheit vor ihren Augen, und flossen zusammen in eine Form auf dem Boden.

Sie hielt ihren Atem an, als die sich rankende Schwärze ruhiger wurde und eine reglose Gestalt bildete, die eines Mannes, der auf seinem Rücken lag. Die letzten Fäden der Schatten fielen mit einem Wispern von seinem Körper ab, ließen ihn widerstrebend gehen, und langsam kehrte Farbe zu seiner Form zurück.

Und — mögen die Götter Gnade haben — was für eine Form.

Hitze schoss ihr ins Gesicht. Er war völlig, komplett nackt.

Darauf war sie nicht vorbereitet. Das Buch der Schatten hatte nicht erwähnt, dass er so sein würde, so nackt und — umwerfend. Verdammt, das war nicht fair. Das war so was von nicht fair. Da hätte irgendwo eine Warnung sein sollen.

Beeindruckende Muskeln spannten sich unter seiner elfenbeinfarbenen Haut. Ihre Finger zuckten mit dem Impuls, ihn zu berühren. Sie vergrub sie stattdessen in ihre Handflächen. Ihre Augen aber verschlangen ihn. Seine Schultern und Brustmuskeln waren gut definiert, wie aus Eisen geschmiedet, jedoch nicht zu klotzig. Er war ganz und gar schlank-muskulös, sportlich gebaut, kein Gramm Fett an seinem köstlichen Körper. Ihr Blick folgte unfreiwillig der dünnen Spur dunkler Haare von seiner Brust über seinen muskelbepackten Bauch zu seiner Leistengegend.

Sie holte scharf Luft und wandte ihre Augen von ihm ab. Die Zimmertemperatur schoss hoch, bis sie einer Sauna Konkurrenz machte.

Sie würde nicht zurück schauen. Sie würde zurück schauen zu seinem—

„Gefällt dir, was du siehst?“

Die geraunte Frage zog ihre undisziplinierte Aufmerksamkeit — verdammt, sie hatte zurück geschaut — von dem fesselnden Anblick seiner Mannespracht zu seinem Gesicht. Seine Augen waren nun geöffnet, auf sie gerichtet, und funkelten mit männlicher Arroganz. Dunkelbraunes Haar umrahmte die scharf geschnittene Schönheit eines Gesichts, das sie so vor langer Zeit gesehen hatte, dass es ihr wie ein anderes Leben erschien. Damals war sie so jung gewesen, ein Kind, und obwohl sie von ihm in gleichem Maße mit Furcht und Faszination angezogen gewesen war, hatte sie ihn mit Kinderaugen angeschaut.

Nicht mehr. Die Hitze, die über ihre Haut rollte, der Drang ihn zu berühren, zu schmecken, zu fühlen, das Flüstern von Verlangen, welches warm an ausgesprochen weiblichen Stellen kribbelte — das war eindeutig erwachsen. Genau hier, in eben diesem Augenblick, war sie weiter entfernt von kindlicher Unschuld, als sie es je gewesen war.

„Du bist zu einer schönen Frau herangewachsen, kleine Hexe“, sagte er, seine Stimme rau durch Jahrzehnte des Nichtgebrauchs. Augen von blassem Hellgrün hielten ihren Blick, glühend heiß, intensiv, herausfordernd durch die offenkundige Anerkennung, die sich in ihnen spiegelte.

Eine kleine Bewegung zog ihren Blick wieder zu seinen Lenden, bevor sie sich stoppen konnte. Oh ja, ihm gefiel ihre Nähe durchaus. Ihr Mund wurde trocken. Sie schloss ihre Augen fest und kämpfte gegen die Wellen der Verlegenheit, die sie durchströmten. Sie gaffte Männer nicht an, als ob sie ein leckeres Stück Kuchen wären. Nein, das tat sie nicht. Egal wie lecker.

„Weißt du“, sagte er, und ein Flüstern dunkler Begierde erklang hinter seinen Worten, „es macht mir nichts aus, nackt für Frauen zu posieren.“

Sie öffnete ihre Augen wieder und starrte ihn wütend an. Und verdammt noch mal, aber sein selbstzufriedenes Grinsen machte ihn nur noch heißer.

„Aber so sehr, wie ich deine Aufmerksamkeit genieße, bin ich gerade ein bisschen am Verhungern.“

Natürlich war er das. Seine Dämonenaura, noch blass aufgrund seines geschwächten Zustandes, flackerte mit der Art von Hunger, den Jahre des Mangels hervorbrachten. Die letzten zwei Jahrzehnte lang war ihm jedwede Nahrung in den Schatten verweigert worden. Obwohl sein Körper nicht verfallen war — augenscheinlich — musste er unter schrecklichem Hunger gelitten haben. Na gut, darauf war sie vorbereitet.

Sie riss sich zusammen, wandte sich der Tasche zu, und holte eine Packung Blut heraus. Anhand der wenigen Informationen, die sie im Buch der Schatten gefunden hatte, wusste sie, dass seine Dämonenspezies sich von menschlichem Blut ernährte, was die Vampirmythen verschiedenster Kulturen hervorgebracht hatte. Völkische Überlieferungen und Aberglaube hatten die Wahrheit im Laufe der Zeit verzerrt und die Legende der Untoten geschaffen. Bluotezzer-Dämonen waren jedoch sehr wohl lebendig, und sie waren niemals menschlich gewesen.

Da sie vermeiden wollte ihm ihr Blut zu geben — je weniger er von ihr nahm, desto besser, ob es nun Blut war oder irgendetwas anderes — war sie so weit gegangen, auf dem Weg hierher eine Packung aus dem Krankenhaus zu stibitzen.

Das Salz knirschte unter ihren Schuhen, als sie den Kreis brach und neben ihm kniete. Sie hielt die Packung vorsichtig an seinen Mund.

Der schalkhafte Schimmer in seinen Augen verbarg kaum den verzweifelten Hunger, der darunter lauerte, und er schüttelte leicht seinen Kopf. „Merle.“ Seine Stimme war leise, rauchig, und summte über ihre Haut. „Du weißt, dass es frisch sein muss.“

Ah, Mist. Das hatte sie nicht gewusst. Aber möglicherweise spielte er mit ihr — er könnte sich das genauso gut ausdenken. Außerdem war ihn ihr Blut trinken zu lassen vermutlich genau das, was sie nicht tun sollte. Das Kribbeln ihrer Haut — als ob sie es nicht erwarten konnte, dass er sich von ihr nährte — war ein klares Warnzeichen. Sie dürfte nicht riskieren, die Kontrolle zu verlieren.

Mit verengten Augen schob sie die Packung zurück an seine Lippen. „Du kannst mein Blut nicht haben. Das hier muss reichen.“

Er schnaubte und weigerte sich zuzubeißen. „Dann eben nicht.“

Für einen langen Moment starrten sie einander an. Sie hielt die Tasche an seinen Mund. Seine Lippen blieben versiegelt. Es war ein Machtkampf, ein Spiel von Geben und Nehmen, soviel wusste sie. Und in dieser Runde würde sie geben müssen. Sie benötigte seine Hilfe, um Maeve zu finden, und dafür musste er gut genährt und bewegungsfähig sein und funktionieren.

Mit einem gemurmelten Schimpfwort schmiss sie die Blutpackung zurück in die Tasche. „Nur damit du nicht auf irgendwelche Ideen kommst“, sagte sie mit einem finsteren Blick auf den Dämon, „sei dir bewusst, dass, wenn du mich tötest, du automatisch zurück in die Schatten geworfen wirst. Meine Absicherung.“ Die Lüge schmeckte bitter auf ihrer Zunge, die Wahrheit ein Stein in ihrer Kehle.

Er verengte seine Augen und sein Kiefer verhärtete sich. Für eine Sekunde verdunkelte sich seine Aura, wie in Wasser geschüttete Tinte. Dann entspannten sich die Muskeln in seinem Gesicht, die Linien um seinen Mund glätteten sich, während seine Mundwinkel sich hoben. „Keine Sorge, kleine Hexe. Ich werde mich von meiner besten Seite zeigen.“

„Na hoffentlich, oder ich schwöre, ich werde dir so kräftig in den Hintern treten, dass du dir wünschen wirst, die Schatten hätten dich niemals freigelassen.“ Dies hier war keine leere Drohung. Der Abschnitt über Bluotezzer-Dämonen in ihrem Buch der Schatten sagte, dass seine Spezies gegen Angriffe mit roher Magie anfällig war. Ihre Fähigkeiten mochten vielleicht noch in der Entwicklung sein, aber Schläge mit unverdünnter Zauberkraft, das konnte sie leisten. Wenn sie doch nur ihr hämmerndes Herz überzeugen könnte, sich zu beruhigen und ihr zu glauben.

Sie stählte ihre mentalen Schilde gegen mögliche Angriffe, schob ihren linken Ärmel hoch und hielt ihr Handgelenk an seinen Mund. Seine Zunge leckte langsam und gemächlich über die empfindliche Unterseite. Sie holte hastig Luft und erstarrte in Reaktion auf das Prickeln, das ihren Arm hochschoss — und in andere, intimere Stellen ihres Körpers.

Seine blassen, blau-grünen Augen glühten, als er gegen ihren Puls sprach. „Dein Hals.“ Seine Reißzähne streiften über ihre Haut. „Ich will deinen Hals.“

Ihr Herzschlag raste noch schneller. Nein, nein, nein, diese Idee sollte sie nicht so sehr reizen. Aber fast gleichauf mit der Panik in ihr war da eine völlig unangemessene Art der Erregung, und er war sich dessen sehr wohl bewusst, wenn man von dem arroganten Aufflackern in seiner Aura ausging.

„Komm her“, raunte er mit dieser Stimme, die wie dunkler Samt über ihre Haut glitt.

Sie brachte es gerade noch fertig, ihm einen bösen Blick zuzuwerfen, während sie sich langsam nach vorne lehnte, ihr Haar beiseite schob, und ihre Halsbeuge entblößte. Seine Lippen berührten ihre Haut. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter und ihr Herz flatterte. Er inhalierte tief und sog ihren Geruch mit einem Seufzer ein, ein solch erotischer Laut, dass sie erbebte und näher an ihn heranrückte. Ihr Puls trommelte gegen seine Lippen, während er ihren Hals küsste, ihre Haut zwickte — und dann biss er zu.

Ein blitzartiger Schmerz, ein unterdrückter Schrei, gedämpft in ihrer Kehle durch die Lawine von Empfindungen, die über sie hereinbrach. Ihre Haut brannte, und Hitzewellen durchströmten ihren Körper im Rhythmus seiner starken Schlucke. Prickelnde Aufregung entfachte in ihr wie ein Lauffeuer, unvorhersehbar, unkontrollierbar, und riss ihre Abwehrmauern nieder, eine nach der anderen. Sie hörte, wie sie selbst aufstöhnte, ein Geräusch wie aus weiter Ferne, und sie schreckte auf. Sie genoss dies hier viel zu sehr.

Mit großer Mühe wich sie zurück. Sie musste dies stoppen, bevor er zu weit ging.

Seine Hand schnappte nach ihrem Hals, packte ihren Nacken und zog sie zurück. „Mehr.“

Nein, verdammt. Sie griff in ihr Innerstes, in den glühenden Kern ihrer Macht, und zog einen Faden roher Magie hervor. Sie schlug damit zu — und er blockierte es so leicht, als würde er eine Fliege fort wedeln. Ihr Herz stotterte. Panik ließ sie erstarren. Er sollte doch nicht in der Lage sein das zu tun. Das Buch der Schatten hatte gesagt, dass er zu anfällig sein würde für —

Er biss sie wieder. Sie schnappte nach Luft, aber nicht, weil es wehtat, sondern weil sie es so…genoss. Hitzewellen rollten durch sie, ihre Sinne stöhnten vor Lust. Seidene Dunkelheit liebkoste ihren Verstand, ihren Körper. Es sollte sich nicht so gut anfühlen.

Die Muskeln des Dämons spannten sich an, vibrierten mit der Energie, die er von ihr stahl. Und einfach so schaffte er es, sie auf ihren Rücken zu drehen ohne sich von ihrem Hals lösen. Sein Stöhnen — ein erotischer Laut trotz der Situation — sandte ein unpassendes Kribbeln von Erregung durch ihren Körper. Sein Gewicht drückte sie fest auf den Boden, und er hielt sie umklammert mit raubtierhafter Besitzgier. Er leckte in heißen, kleinen Bewegungen über ihre Haut, während er so stark sog, dass ihre Erregung noch mehr Funken schlug, zu flüssigem Feuer verschmolz. Es lief durch ihre Adern, pulsierte im Rhythmus mit seinen Schlucken, und sie fühlte die Saugwirkung bis in die Tiefen ihrer Seele. Ich will nicht, dass es aufhört.

Es war dieser Gedanke, der sie ernüchterte.

Sie blinzelte, schüttelte den Dunst ab, der ihr Gehirn bewölkte. Er war zu ihr durchgedrungen, hatte hinterlistig ihren Verstand infiltriert. Sie knallte ihre mentalen Schilde erneut zu, und schlug aus mit einem Blitz weiß-glühender Magie. Er traf den Dämon direkt in die Brust. Er ächzte, lies ihre Kehle los und taumelte zurück. Ja! Die Spur aggressiver, roher Magie glühte in ihr. Sie würde später dafür zahlen müssen, aber es war besser, als ihr Leben zu verlieren.

Sie stieß noch einmal zu mit einer dosierten Druckwelle unverdünnter Zauberkraft, und schlug dem Dämon gleichzeitig gegen die Brust. Es war genug, um ihn zum Umkippen zu bringen. Nicht genug jedoch, um ihn K.O. zu schlagen. Mit einem Knurren ergriff er ihren Hals und zog sie wieder auf sich herunter. Seine Haut war warm, seidig, und ach-so-streichelbar unter ihren Händen, als sie auf ihm der Länge nach zu liegen kam, und — bei den Göttern, was ist los mit mir? Sie sollte sich darauf konzentrieren, ihn zu bekämpfen. Sie presste ihre Lippen zusammen, schlug ihm in die Kehle, und rollte von ihm herunter.

Der Dämon hustete und fluchte, und seine Aura bewölkte sich mit Dunkelheit. Seine Augen verengt und auf sie gerichtet, setzte er sich auf — und stürzte sich auf sie. Ihr Rücken schlug auf dem Steinboden auf, bevor sie auch nur nach einem einzigen Faden Magie greifen konnte. Der Aufprall katapultierte jedes bisschen Luft aus ihren Lungen. Der Dämon hielt sie nieder, ihre Handgelenke fest in seinem Griff. Hitze und dunkle Energie luden die Luft zwischen ihnen auf. Ihre Magie flackerte, nahm ab. Verdammt, nicht jetzt. Sie wand sich und versuchte, sich von seinem Griff zu befreien, aber alles, was sie damit bewirkte, war ihren Körper an seinem zu reiben.

Er leckte ihre Halsbeuge hoch bis zu ihrem Ohr. „Weiter so, kleine Hexe“, murmelte er, sein Atem heiß auf ihrer Haut. „Fühlt sich fantastisch an.“

Sie hörte auf sich zu bewegen, und mit einem enttäuschten Zungenschnalzer begann er wieder zu trinken.

Oh, Götter. Sie versuchte, ihre schwächer werdende Magie zu greifen, doch sie glitt ihr durch ihre mentalen Finger. Ihr Körper wurde zu Gummi, und Schwärze füllte ihre Sicht wie träge fließendes Blut. Er war so viel stärker, als er es hätte sein sollen. Sie holte rasselnd Luft. „Meine…Absicherung.“

Die Erinnerung daran, wie er zurück in die Schatten geworfen werden würde, wenn er sie tötete, ließ ihn innehalten. Er hörte auf zu trinken, veränderte seine Position weit genug, um sie mit seinen durchdringenden Augen hart anzusehen. „Du bluffst doch.“

Er hatte Recht. Nicht, dass sie ihn das würde wissen lassen. „Willst du’s drauf ankommen lassen?“, flüsterte sie, und stärkte ihre Worte mit so viel verwegener — vorgetäuschter — Selbstsicherheit, wie möglich.

Sein Daumen rieb leicht über ihre Unterlippe. „Vielleicht werde ich das.“ Er packte ihren Hals und biss erneut zu.

Ein Brillantfeuerwerk von Empfindungen brauste durch sie hindurch, von ihrem Hals herunter bis zu ihren Zehen. Kribbelnde Hitze, pulsierendes Vergnügen, Sehnsucht nach mehr. Seine Lippen waren heiß auf ihrer Haut, seine Energie streichelte ihre Sinne und brachte sie dazu, dass sie sich verzehrte… Nein.

Sie atmete tief ein, und sammelte, was von ihrer Stärke übrig war. Tiefer, sie griff noch tiefer in ihr Innerstes als je zuvor, konzentrierte sich auf den hellsten Funken Magie, den sie finden konnte, und schürte ihn zu einem Feuer. Es loderte auf. Mehr. Sie nährte die Flammen, fächelte sie höher, bis die Kraft ihrer Magie ein blendendes Inferno in ihr war. Sie drückte es nach außen, gegen den Einfluss der dunklen Energie des Dämons, die durch ihre Schilde durchsickerte, und sie stieß zu.

Glühend heißes, weißes Licht explodierte aus ihr heraus. Es traf den Dämon mit voller Kraft und schleuderte ihn von ihr weg. Ächzend krachte er in die gegenüberliegende Ecke des Mausoleums und sackte in sich zusammen.

Sie rappelte sich auf, schwankte kurz, und hielt sich an der Wand fest. Die Kerzen flackerten und warfen ein unheimliches Spiel von Licht und Schatten an die Mauern des Mausoleums. Keuchend beobachtete sie, wie der Dämon sich regte. Seine Aura verdunkelte sich noch mehr, während er sich hochzog, und seine glühenden Augen brannten einen Pfad durch ihre Seele. Oh, ja, er war wütend. Tja, das war sie auch.

Sie stellte sich kampfbereit hin, und hob ihr Kinn, bereit ihm entschieden entgegenzutreten. Sorgfältig zog sie die letzten Fäden ihrer lädierten, erschöpften Magie in ihr zusammen. Es würde sauweh tun, aber sie hatte noch genug, um ihn noch einmal zu schlagen. Und dieses Mal würde sie ihn K.O. hauen.

Er kam einen Schritt näher. Sie packte ihre Zauberkraft fester. Ihre Magie wirbelte in ihr, begierig darauf, von ihr losgelassen zu werden. Seine Energie knisterte, brachte die Luft zum Surren. Noch einmal tief Atem holen und dann würde sie—

Sie bekam nie die Chance dazu. Eben noch stand er drei Meter von ihr entfernt, und auf einmal war er direkt vor ihr. Verdammt, ist der schnell, war ihr letzter zusammenhängender Gedanke, bevor alles auf einmal passierte.

Seine Hand schoss vorwärts, griff in ihr Haar. Gerüstet und bereit stieg ihre Zauberkraft an die Oberfläche. Sein anderer Arm umschlang ihre Taille, zerrte sie zu ihm.

Und sein Mund bedeckte ihren mit einem Kuss, der alles zum Stillstand brachte.

Die Kontrolle, die sie über ihre Magie hatte, wabbelte wie ein gespanntes Seil, das gekappt worden war. Seine Lippen waren heiß, als sie gegen ihre drückten, seine Zunge fordernd, als er entlang ihrer Lippen leckte, wie als würde er Eintritt verlangen. Auf eine Eingebung der Vernunft hin klemmte sie ihren Mund fest zu. Er biss daraufhin ihre Lippe, nur leicht, aber genug um zu stechen.

„Autsch!“ Sie zuckte zurück. „Verdammt noch mal, du Mistk—“

Ihre folgenden Worte starben eines beschämenden Todes, als er die Tatsache, dass sie ihren Mund geöffnet hatte, voll ausnutzte. Seine Zunge glitt herein, strich über die ihre, setzte ihr sein Brandzeichen auf bis hinunter zu ihrer nachlassenden Zauberkraft. Sein Geschmack war vorzüglich, eine Droge für ihre Sinne — dunkle Gewürze, schwelende Hitze, geküsst mit einem Anflug von Eisen von ihrem eigenen Blut. Seine Energie umwickelte sie, während er sie zu sich zog, und ihre plötzlich empfindlichen Brüste gegen seine harte Brust presste. Eine Flut der Lust brandete in ihr auf, riss ihre Abwehr nieder mit erschreckender Leichtigkeit, wandelte ihre Entrüstung in etwas Primitives, Unersättliches, und Aggressives.

Bevor sie sich versah, waren ihre Hände auf seinen Schultern und zogen ihn heftig näher, während ihre Nägel sich in die Hitze seiner Haut vergruben. Sie leckte und kostete und berührte seine Zunge mit der ihren, getrieben von Verlangen und Hunger. Er knurrte in den Kuss hinein, rieb seinen Körper gegen ihren, und — gute Götter, das Gefühl seiner Härte an ihrer Hüfte. Alles andere löste sich auf, bis es nichts mehr gab außer Hitze, wahnsinnig machendem sexuellen Vergnügen, und dem Bedürfnis, ihn zu markieren.

Völlig verloren in einem Teufelskreis der Lust sah sie es nicht kommen. Der Dämon brach den Kuss und fegte ihre Beine unter ihr weg. Zum zweiten Mal in dieser Nacht schlug sie mit ihrem Rücken auf dem mit Sicherheit härtesten Boden der Welt auf. Schmerzen schossen durch sie hindurch, von ihrer Wirbelsäule bis zu ihren Fingerspitzen, in beißenden, messerscharfen Stichflammen. Ohne jegliche Luft in den Lungen konnte sie nicht einmal keuchen.

Zwischen den schwarzen Punkten, die in ihrem Gesichtsfeld tanzten, erhob sich der Dämon über ihr. Seine eine Hand hatte die Rückseite ihres Kopfes während ihres Sturzes geschützt und glitt nun zu ihrer Kehle. Er drückte sanft zu und schenkte ihr ein spöttisches Lächeln.

„Lass uns das irgendwann mal wiederholen“, sagte er, küsste ihre Nase, und war fort.

Die aufklaffende Tür ließ kühle Nachtluft hereinbrausen und über ihren zitternden Körper streichen. Ihr Brustkorb hob sich mit großer Anstrengung, als sie nach Atem rang. Der Ansturm von Adrenalin verlangsamte sich, und die Folgen des Kampfes forderten Tribut. Ihre Zauberkraft — geschwächt, fast verbraucht — war kaum mehr als ein mattes Schimmern. Ihr Körper schmerzte an tausend Stellen gleichzeitig. Sie mochte vielleicht zuvor erschöpft gewesen sein, jetzt aber fühlte sie sich wie ein überfahrenes Tier, das wieder zum Leben erwacht war, nur um noch einmal von einem 14-Tonner überrollt worden zu sein.

Dieser verfluchte, hinterlistige Mistkerl von Dämon. Er hatte sie brutal überfallen, fast getötet, hatte sie halbkaputt auf dem Boden liegend zurückgelassen. Noch schlimmer, er hatte die Dreistigkeit besessen, sie zu küssen — und sie dazu zu bringen, dass sie es genoss.

Sie würde ihn dafür so was von drankriegen.


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